In der Arbeit mit Menschen mit Unterstützungsbedarf hört man oft: „Das kann er/sie nicht.“ Ein Urteil, dass zu Stillstand führt, anstatt einen Lernraum zu eröffnen. Und natürlich lässt sich nicht abstreiten, dass sich manche Menschen leichter bei gewissen Tätigkeiten tun als andere. Oft liegt es aber nicht an der Tätigkeit selbst, sondern an dem Arbeitsumfeld oder daran, wie eine Aufgabe angeleitet wird, dass jemand zu einer Arbeit nicht fähig ist.
Ein Beispiel:
Die erste selbst geschälte Kartoffel
Peter ist seit vielen Jahren Arbeitsanleiter in der Küche. Er kennt seine Gruppe gut und weiß, wer welche Arbeiten gut und gerne macht. Im Rahmen eines Inclutrain-Workshops möchten wir gemeinsam Kartoffel schälen, um den Handlungsimpuls zu entdecken. Zuerst ist Peter skeptisch: „Was soll man beim Kartoffel schälen schon groß erkennen?! Eigentlich gibt es gerade Wichtigeres zu tun.“ Er wendet sich ab und geht an seine tägliche Arbeit.
Wir laden Nora ein, beim Kartoffelschälen mitzumachen. Sie ist schon seit zwei Jahren in der Küche. Zögernd stimmt sie zu, doch Peter wirft ein: „Sie kann keine Kartoffel schälen.“ Wir bitten Nora dennoch darum mitzumachen und schlagen vor Katharina zu imitieren. Katharina ist eine sehr geschickte Kartoffelschälerin. Wir hoffen, dass Nora es aus dem Imitieren lernt. Nora nimmt den Schäler zur Hand und versucht die Kartoffel zu schälen. Kleine Teile der Schale lösen sich von der Kartoffel, aber das Arbeiten wirkt unbeholfen und schwierig. Sie wechselt die Hand, aber das hilft nicht. Auf die Frage des Trainers, ob sie Rechts- oder Linkshänderin sei, kommt keine deutliche Antwort. Dann fragt der Trainer Peter: „Habt ihr einen anderen Schäler?“. Peter beginnt in den Schubladen zu kramen und kommt mit einem anderen Schäler zurück. Nora nimmt ihn entgegen und probiert es mit dem neuen Schäler. Zuerst scheint dies nichts zu ändern. Sie rutscht von der Kartoffel ab, die ihr daraufhin aus der Hand fällt. Nach einigem Probieren, siehe da: Nora findet ihre eigene Methode: sie schält zu sich hin und nicht von sich weg, wie es Katharina tut. Das zu sich hin Schälen ging mit dem ersten Schäler einfach nicht, außer man hätte mit links geschält. Plötzlich geht es Nora leicht von der Hand.
Peter ist erstaunt. Begeistert gratuliert er Nora zur ersten selbst geschälten Kartoffel. Er überwindet seine Zweifel und lässt sich jetzt voll auf die Entdeckungsreise ein. Er möchte, dass auch die anderen der Gruppe vorzeigen, wie sie Kartoffel schälen. Zuerst schält Otto Kartoffel, dann Lorenz. Peter ist erstaunt, wie unterschiedlich die beiden die Arbeit machen. Dann folgen noch Katharina und Lena.
Zeit und Raum für bewusstes Wahrnehmen
Es ist erstaunlich mitzuerleben, wozu die Menschen in der Lage sind, wenn sie die Arbeit auf ihre individuelle Art und Weise angehen können. Dafür muss aber natürlich Zeit und Raum geschaffen werden! Aus dem Arbeitsalltag auszusteigen und sich Zeit zu geben, um seine Mitmenschen bewusst zu erleben, kann zu ganz neuen Sichtweisen führen.
Peter: „Ich arbeite schon so lange mit diesen Menschen, aber ich habe sie heute ganz anders gesehen als sonst.“
Im Rahmen eines Workshops ist es selbstverständlich leichter, bewusst aus dem hektischen Arbeitsalltag auszusteigen und sich auf neue Zugänge und Sichtweisen einzulassen. Tatsächlich ist es aber schon hilfreich sich für einen bestimmten Tag vorzunehmen: „Heute möchte ich beobachten, wie Michael den Boden fegt“. Es reichen schon ein paar Minuten sich in den anderen Hineinversetzen, um seinen Blick zu weiten. Besonders hilfreich ist es natürlich, wenn man seine Erfahrungen dann mit einer anderen Person teilen kann. Auch hier reichen ein paar Minuten zum Austausch.