Victoria fährt für vierzehn Tage in den Urlaub. Sie kommt zu mir, ihrer Arbeitsbegleiterin und Mentorin, umarmt mich und bricht in Tränen aus. Ihre Tränen sind nicht mehr zu stoppen. In dieser Art des Handelns zeigt sie ihrer Handlungsimpuls: ‚umfassend Festhalten‘. Ich weiß nicht, wie ich ihr in dieser Situation helfen kann. Ich kann mir gut vorstellen, wie schwer es für sie ist, ihre vertraute Umgebung zu verlassen. Gleichzeitig bin ich selbst in dieser Situation mit ihrem Handlungsimpuls völlig überfordert. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen kann. Wie kann ich in so einer Situation an ihrem Handlungsimpuls anschließen?
Ich bringe das Beispiel in der Inclutrain Intervision ein. Der Trainer Albert schlägt vor, den Handlungsimpuls ‚umfassend Festhalten‘ in der eigenen Erfahrung aufzusuchen. Er bringt ein Beispiel aus seiner eigenen Kindheit vor: „Als Kind war ich mit meiner Tante und meinem Onkel in einer historischen Stadt auf Urlaub. Dort machten wir uns auf die Suche nach einem Souvenir für meine Eltern und auch für uns selbst. In einem Souvenir materialisiert sich das ‚umfassend Festhalten‘. Man umfasst die Erinnerung, hält sie fest.“ Von dieser Erfahrung ausgehend, spannt Albert einen Bogen zu Victorias Situation: „Du kannst ihr doch ein schönes Notizbuch geben und sie bitten, jeden Tag etwas von dem, was sie erlebt hat, für dich und sich selbst aufzuschreiben. Wenn sie zurück ist, könnt ihr die Texte dann gemeinsam lesen.“
Ich kann mir vorstellen, dass es funktionieren könnte und probiere es aus – mit Erfolg! Mit dem Schenken des Notizbuches und dem Vorschlag, es nach der Rückkehr gemeinsam zu lesen, habe ich Victorias Handlungsimpuls ‚umfassend Festhalten‘ angenommen. Ich habe sie angenommen. Victoria konnte sich durch meinen Vorschlag mit den Notizen am Geschehene festhalten und es zugleich im Notizbuch umfassen.
Den Handlungsimpuls stärken
Es geht nicht darum, dass Victoria lernt loszulassen – das ist nicht ihr Thema! Sondern darum, dass sie fähig wird, ihren Handlungsimpuls ‚umfassend Festhalten‘ positiv in die Welt zu bringen – beispielsweise, wenn sie Ihre Erlebnisse in einem Notizbuch festhält.
Das Beispiel zeigt, wie sich durch das Annehmen des individuellen Handlungsimpulses eines anderen neue Möglichkeiten eröffnen lassen, um Menschen gut unterstützen und begleiten zu können. Konkret bedeutet es, Herausforderungen als Anlass zu nehmen, um einen Lernraum zu kreieren, in dem Ausbildner wie auch Auszubildende neue Fertigkeiten und Fähigkeiten erüben und entwickeln können. So lernt man mit Herausforderungen im beruflichen Alltag besser umzugehen.