Victorias Qualitäten erschienen und blühen auf!
In diesem Beitrag wird beschrieben, wie die berufliche Bildung von Victoria am Loidholdhof anhand der Inclutrain-Methode gestaltet wurde.
Victoria stellt sich vor
„Ich bin Victoria und 28 Jahre alt. Seit November 2015 arbeite ich am Loidholdhof. Am Vormittag kümmere ich mich um die Wäsche und am Nachmittag helfe ich im Stall. Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen, da ist so ein Leben ganz normal.
Schreiben und Vorlesen tue ich gerne. Ich kümmere mich auch gerne um andere Menschen. Zum Beispiel helfe ich Antonia beim Treppensteigen oder kümmere mich um die Silke. Ich bin auch Interessensvertreterin am Hof, da kann ich auch anderen helfen.
Wenn sich Menschen an Dinge nicht halten oder einfach verändern und ich mich dann nicht mehr auskenne, mag ich das gar nicht. Da kann ich ziemlich laut und emotional werden!
Wenn mich etwas richtig freut, dann gehe ich zu meine Arbeitsbegleiterin, Erika, und umarme sie!
Wenn mich etwas richtig traurig macht, dann gehe ich auch zu Erika, umarme sie und halt mich an ihr fest.“
Umfassend Festhalten
Victorias Handlungsimpuls ist ‚umfassend Festhalten‘. Bei ihr sind die beide Handlungsimpuls-Verben sehr verwandt. Ihre Art des ‚umfassend Festhaltens‘ ist nicht so wie man beispielsweise eine Teetasse am Henkel festhält. Eher so, als hielte man an einem kalten Wintertag einen Becher heiße Schokolade in den Händen: Man möchte da fast mit dem ganzen Leib den warmen Becher umfassen.
Als Berufsbild kam uns für Victoria ‚Sanitäterin‘ oder auch ‚Rettungsschwimmerin‘ in den Sinn.
Ein Talent Sprüche zu lesen und vorzutragen
Victorias Talent ist es Sprüche oder Texte schön vorzutragen. Wenn Victoria vor anderen Menschen Sprüche oder Texte liest, ist sie ganz bei der Sache und trägt den Inhalt laut und deutlich vor. Auch wenn viele Augen auf sie gerichtet sind, ist sie konzentriert und lässt sich nicht ablenken.
Gezeigt hat sich das bei unserem täglichen Morgenkreis, wo sie von sich aus immer wieder das Spruchbüchlein genommen und den Wochenspruch deutlich und verständlich vorgetragen hat. Auch unserem Maler am Hof ist ihr Talent aufgefallen. So hat er sie eines Tages angesprochen, ob sie nicht einmal in der Woche in die Malerei kommen möchte, um mit Pinsel und Farbe zu schreiben.
„Im Morgenkreis lese ich den Spruch. Und die Schrifttafeln sind da; nicht alle, sondern nur die mit dem Spruch, den ich gerade lese.
Seit Februar 2021 treffen wir uns jede Woche in der Malerei. Die ersten Sprüche habe ich auf Papier geschrieben, den Rest auf Platten.
Ich erinnere mich, dass es damit angefangen hat, dass ich für meinen Freund, den Roland, Ronja Räubertochter auf ein Blatt Papier geschrieben habe – weil er wollte, dass ich ihm das aufschreibe. Und er hat den Zettel bei der Kaffeemaschine liegen lassen, und dann ist der Maler vorbeigegangen und hat den Zettel gesehen, und ich war irgendwo in der Nähe. Auf seine Frage „Wer hat denn so schön geschrieben?“ habe ich dann gesagt: Ich war das! So hat es angefangen.
Der Maler hat mich unterstützt beim Schreiben – Malen. Er hat den Pinsel kurz geschnitten und für jeden Buchstabe musste ich den Pinsel neu eintauchen in der Farbe. Zuerst habe ich nur einen Spruch geschrieben und den nachher auf einer Staffelei beim Morgenkreis aufgestellt. Dann habe ich den nächsten geschrieben. Und dann, nach einem Jahr, waren wir fertig. Dann haben wir am Hof eine Ausstellung von alle 52 Sprüchen gemacht.
Wir haben die Platten mit den Sprüchen ringsherum im Kreis aufgestellt. Und dann ist der Auftrag von Katha gekommen, dass ich die Sprüche für sie schreiben soll, für ihre Praxis in Dortmund. Dann habe ich ein bisschen überlegt und dann habe ich gesagt, ich nehme den Auftrag an und würde es gerne machen. Und dann habe ich nochmal alle 52 Sprüche geschrieben.
Fähigkeiten vertiefen. Reflexion des Arbeitsbegleiters
Victorias Handlungsimpuls ist ‚umfassend Festhalten‘. Der Spruch ist schon gedruckt, sie ist schon ganz da. Wenn sie diesen Spruch auf einer Tafel groß und freischreibend oder malend neugestaltet, muss das Ganze beibehalten werden, und zugleich sieht es ganz anders aus. Im Schreiben der Spruch-Tafeln kann sie ihre Fähigkeiten ‚umfassend Festhalten‘ schrittweise vertiefen. Zunächst schreibt sie nur die Sprüche und lernt dabei mit dem Pinsel und der Farbe umzugehen. Durch das wöchentliche Arbeiten an den Sprüchen, über mehrere Monate hinweg, entdeckt sie immer mehr die Inhalte und Zusammenhänge der Sprüche. Ihre Fähigkeit sich einer Sache zuzuwenden und sich in etwas zu vertiefen, bekommt hier Sinn und steigert diese Fähigkeit. Mit der Zeit beginnt sie die Sprüche zu reflektieren und eigene Gedanken dazu zu entwickeln:
Dialog über Sprüche und das Ich-Leben
Hannes: Seit einiger Zeit schreibst du die Sprüche nicht nur ab, sondern wir setzen uns danach jedes Mal zusammen hin …
Victoria: … und dann schreibe ich meine Gedanken nieder.
Hannes: Ist das schwierig?
Victoria: Manchmal schon. Der Spruch gibt ab und zu auch Rätsel auf.
Hannes: Willst du noch etwas zu den Sprüchen sagen, wovon handeln sie?
Victoria: Von dem Ich‐Leben…die Sprüche haben einerseits mit mir zu tun, andererseits haben sie viel mit dem Äußeren, mit der Welt zu tun. Mit dem, wie die Pflanzen keimen, reifen, fruchten… mit der Natur…wie sie sich verändert vom Frühjahr bis zum Winter, kann man sagen.
Hannes: Und im Winter?
Victoria: Und im Winter ist alles kahl draußen… in der Seele blüht dann alles. (Lacht) Ich weiß nicht genau, wie ich das sonst beschreiben soll. Ich habe das Gefühl, dass man mit den Sprüchen niemals fertig wird, man entdeckt immer neue Sachen. Und dass das auch mit dem Fühlen zu tun hat.
Hannes: Mit dem Fühlen?
Victoria: Ich finde, man lernt sich selbst richtig spüren, dadurch, dass man das fühlt, was man niedergeschrieben hat. Spüren lernen. Selbst erleben, richtig.
Hannes: Gestern hast du aufgeschrieben: Muss ich die Erkenntnis fühlen?
Victoria: Ich glaube, dass das funktioniert, irgendwie. Wenn man selbst in einer Art die Sprüche kennenlernt, dann lernt man sie fühlen. Das sag ich ehrlich, dass das funktioniert.
Hannes: War es eine Entwicklungsarbeit?
Victoria: Ja, schon. Ich habe mich von Jahr zu Jahr weiterentwickelt. Die Schrift ist schöner geworden…
Hannes: Was möchtest du in Zukunft machen?
Victoria: Ich fände es wichtig, dass man den anderen Leuten schreiben richtig lernt, dass man die Buchstaben mit denen malt. Ich weiß nicht, ob das jeder kann. Das ist nämlich für manche Leute eine Kunst, glaube ich.
Die Veränderung der Zusammenarbeit. Reflexion eines Arbeitsbegleiters
Durch unsere Inclutrain-Trainings hat sich die berufliche Arbeit mit Victoria komplett verändert. Wir sind jetzt anders verbunden und mein Blick auf sie ist anders ausgerichtet. Ich schaue nicht darauf, was sie nicht kann oder was mich an ihr stört. Nein, ihr Handlungsimpuls ist mir mittlerweile so präsent, dass es jedes Mal spannend ist, wie ich in einem bestimmten Arbeits-, Sozial- oder Lernkontext daran anschließen kann. Ich erlebe das als hochkreative Prozesse, wo ich als Arbeitsbegleiter als ganzer Mensch gefordert bin. Unser Miteinander ist ein anderes geworden. Es ist eigentlich erst jetzt ein wirkliches Miteinander geworden. Seit wir das so versuchen, haben Victoria und viele ihrer Kolleg:innen erstaunliche Entwicklungsschritte gemacht. Dinge, die vorher undenkbar waren, werden möglich. Weil wir einen Weg haben, entlang dem wir uns bewegen können und der inspiriert. Es macht Spaß mit Victoria zu arbeiten. Ich fühle mich jetzt als Lehrender und Lernender zugleich!“
Eine andere Arbeit die Victoria gerne macht ist, ihre Kollegen beim Tagebuch schreiben zu begleiten. Die Menschen diktieren ihr einen Text. Dann schreiben die Menschen ab, was Victoria geschrieben hat.
Und welche Berufe hat Victoria gelernt?
Vortragskünstlerin
Lehrerin: die Schreib- und Leseunterricht an ihre Kolleg:innen gibt.
Schönschreiberin: Gedichte bzw. Sprüche.
Leserin.
Philosophin.
Mehr dazu im Artikel „In der Malerei. Zu den Seelenkalender-Tafeln“, In: „Das Goetheanum“ (2024-07): https://dasgoetheanum.com/in-der-malerei/