Wenn man „Führen aus der Vision“ hört, mag man denken, man müsse sich eine abstrakte Vision ausdenken, ein theoretisches Konstrukt, dass man dann im Sinne eines Leitgedankens seinem Handeln zugrunde legt. Es stellt sich jedoch anders dar. „Führen aus der Vision“ bedeutet sich zu überlegen, wie es konkret aussieht, wenn man mit etwas zufrieden ist. Also beispielsweise: Ich bin zufrieden, wenn vor der Pause die Hühner versorgt sind. Das ist ein konkretes Bild, dass man von einer vorliegenden Situation hat. Ausgangspunkt der Vision ist also das konkret Vorliegende, ein äußerer Punkt, der sich nicht unmittelbar auf die beteiligten Personen bezieht, eine notwendige Aufgabe. Hat man eine Vision, so kann man diese mit anderen teilen und sie darin mitnehmen. Die anderen sind dann eingeladen auf ihre eigene Art und Weise einzusteigen und ihren Beitrag zur Vision zu leisten.
Das Konkrete
In unserer Gartenwerkstätte haben wir die Besprechungen immer im Gruppenraum abgehalten. Gemeinsam mit der Gruppe habe ich versucht zu überlegen, welche Arbeiten im Garten anstehen. Die Aufgaben haben wir dann auf die Tafel geschrieben. Allerdings war es oft schwierig die Gruppe aktiv in diese Besprechung einzubinden. Meist habe nur ich eingebracht bzw. vorgegeben, was zu tun ist. Es war sehr steuernd und ich konnte nicht wirklich eine aktive Beteiligung der anderen erreichen. Sie haben einfach brav gemacht, was ich gesagt habe. Aber mir ist es ein Anliegen, sie zu mehr Selbstständigkeit anzuleiten.
Im Rahmen des Inclutrain-Projekts habe ich dann etwas Neues ausprobiert. Wir haben die Besprechung nicht im Gruppenraum, sondern direkt im Glashaus gemacht. Dabei konnten sich in der Besprechung alle ein Bild davon machen, was der Garten gerade braucht. Also ob die Tomaten gegossen oder das Unkraut gejätet werden muss. Meine Gruppe konnte viel besser einsteigen und sich beteiligen. Ich habe ein Schreibbrett mitgenommen, sodass wir die Aufgaben notieren konnten. Die Kommunikation fand nicht nur durch Worte statt, sondern auch non-verbal, wenn zum Beispiel Christian auf etwas zeigte, ohne es sprachlich zu benennen.
Dann haben wir uns angeschaut, wo wir die Radieschen säen werden. Ich habe eine Vision kreiert, indem wir überlegt haben, wie groß die Radieschen bei der Ernte sein werden. Es war dann für alle klar, wie viel Abstand wir beim Säen einhalten müssen, damit die Radieschen gut wachsen können. Jeder hat dann auf seine eigene Art und Weise gesät, aber mit einem klaren Verständnis darüber, warum man die Samen nicht irgendwie in die Erde sät.
Es war hilfreich direkt in die Situation einzusteigen, um aus der Vision führen zu können.
Beim Anleiten ist mir außerdem aufgefallen, dass das Fragen stellen nicht immer hilfreich ist. Manchmal stoppt es den Fluss eher, als dass es bestärkend wirkt. Die Menschen fühlen sich dann wie in einer Befragung, trauen sich nicht zu antworten oder sind überfordert. Oft stellt man auch rhetorische Fragen. Wenn ich zum Beispiel frage: „Kommst du mit in den Schuppen?“ dann ist das eigentlich keine Frage, sondern eine Aufforderung.
Einsteigen und demonstrieren
Führen aus der Vision bedeutet auch selbst einzusteigen und zu demonstrieren. Dies lädt den andere zum Mitmachen, Mitbewegen ein. Dabei findet Kommunikation auf einer non-verbalen Ebene statt.
Ich habe Christian gebeten den Beifuß abzuzupfen. Aber er ist nicht an die Arbeit gegangen, sondern ist einfach neben mir stehen geblieben. Ich habe dann intuitiv beschlossen mit ihm zum Gartentisch zu gehen und das Abzupfen gemeinsam mit ihm zu beginnen. Das ist gelungen. Christian ist sofort eingestiegen und hat die Arbeit auch dann weitergemacht, als ich mich einer anderen Aufgabe widmete.