Dirigierend Einleben
Samuel lebt seit vielen Jahren auf Urtica – fast schon sein ganzes Leben! Er ist 62 Jahre und sehr sensitiv – er spürt alles, was vor sich geht.
Manchmal ist es ganz schön herausfordernd mit Samuel zu arbeiten. Wenn man ihm eine direkte Frage stellt, reagiert er oft ungehalten oder dreht sich um und geht. Er schreit auch sehr oft herum. Das hat schon in seiner Jugend begonnen. Die Bewohnerin über ihm beklagt sich oft darüber. Auch für die Nachbarn ist es ein Problem.
Es ist nicht zielführend zu fragen, was ihn irritiert oder warum er schreit.
Stattdessen habe ich mich auf die Suche nach den Qualitäten von Samuel gemacht. Wir haben seinen Handlungsimpuls herausgefunden ‚dirigierend Einleben‘.“ Dazu kam das Berufsbild des Dirigenten. Samuel möchte dirigieren. Wenn ich ihn sehe, fragt er oft: „Kannst du dies oder das für mich machen?“ Der Dirigent dirigiert das Orchester!
Gelungene unerwartete Handlungen
Ich habe mich auf Forschungsreise begeben: Wie kann ich an Samuel anschließen? Wie kann ich seinen Handlungsimpuls annehmen? Dazu sind mir drei positive Beispiele eingefallen, bei denen ich an Samuel intuitiv angeschlossen habe. Also drei gelungene unerwartete Handlungen:
Am Pferdehof: Als junger Mann ist Samuel geritten. Vor einiger Zeit meinte er, er würde gerne wieder reiten gehen. Also sind wir zu einem Pferdehof gefahren. Als wir das Pferd gestriegelt haben, ist er mit viel Abstand danebengestanden. Er wollte dann auch nicht reiten. Also habe ich gefragt: „Soll ich reiten?“ Er stimmte zu. Ich bin auf das Pferd gestiegen und habe Samuel gefragt: „Was soll ich jetzt machen? Wo soll ich hin reiten?“ Samuel hat sich in die Mitte des Platzes gestellt und mich angeleitet. Er sagte, ich solle meine Hände nicht so hochhalten und die Fersen nach unten drücken. Er wies mich an, wohin ich reiten solle. Es hat ihm sichtlich Spaß gemacht, mir zu sagen, was ich tun solle. Als ich nach einiger Zeit fragte: „Möchtest du jetzt reiten?“ stimmte er zu. Er konnte sich zuerst über das Dirigieren einleben und ist dann selbst ins Reiten eingestiegen.
Am Hofplatz: Letztes Jahr haben wir eine Grillerei veranstaltet. Samuel ist dann aufgestanden und hat sich in die Mitte des Platzes gestellt. Mit lauter Stimme hielt er eine Rede und alle haben ihm aufmerksam zugehört. Er stand da wie der Bürgermeister am Dorfplatz. Er möchte und kann den Ton angeben.
Im Theater: Vor ein paar Woche bin ich mit ihm ins Theater gegangen. Wir sind am Balkon gesessen. Auf einmal ist er aufgestanden und hat ganz laut applaudiert. Im ersten Moment hatte ich gedacht: „Was macht er denn jetzt?“, aber er hat mit seinem Applaus das ganze Publikum mitgerissen. Ich habe ihn angeschaut und mir gedacht: „Jetzt bist du wirklich in deinem Element.“
Neue Inspirationen
Bei unserer Inclutrain-Intervisionsgruppe haben wir überlegt, wie ich bei Samuel anschließen könnte. Es wurde für mich sichtbar, dass es hilfreich ist, wenn man Fragen nicht direkt an Samuel stellt, sondern allgemein in den Raum richtet. Denn dann kann Samuel selbst die Initiative ergreifen und darauf reagieren, ohne sich direkt mit der Frage konfrontiert zu sehen. Wenn ich zum Beispiel sage: „Kannst du das Papier wegbringen?“ dann blockt er das sofort ab. Sage ich stattdessen: „Wo muss das Altpapier eigentlich hin?“, dann steht er mir ganz hilfreich zur Seite und erledigt die Aufgabe.
Anstatt Samuel direkt darauf anzusprechen, dass sich die Bewohnerin über ihn über sein Schreien beklagt, kann ich das Thema auch an ein allgemeines Publikum richten: „Die Bewohnerin hat sich beklagt, was könnte sie brauchen?“ Ein solche Fragestellung könnte ihn den Freiraum geben, um sich einzuleben und mit der Problematik auseinanderzusetzen.
Den Handlungsimpuls positiv in die Welt bringen
Die Frage ist, wo und wie kann er seinen Handlungsimpuls entfalten? Ich spreche mit der Inclutrain-Gruppe darüber und komme zu einer neuen Erkenntnis:
Ich (Helga): Wenn wir gemeinsam im Auto sitzen, erzählt er gerne. Oder wenn wir auf einer Parkbank sitzen, dann sprechen wir darüber, was wir sehen – zum Beispiel über die vorbeifahrenden Radfahrer:innen und Fußgänger:innen. Früher hat er im Morgenkreis auch immer wieder etwas präsentiert und die anderen Bewohner:innen haben sich darüber gefreut.
Sophia: Wäre es vielleicht hilfreich ein regelmäßiges Gesprächsforum einzurichten? Wo man beispielsweise darüber spricht, was einem in der letzten Woch berührt hat – also ohne die Frage zu direkt an Samuel zu stellen.
Ich (Helga): Hmm, das könnte funktionieren. Aber da fällt mir noch etwas anderes ein! Besonders lustig findet er es, wenn ich geschauspielert schimpfe. Er mag es, wenn man schauspielert. Dann ist er nicht direkt angesprochen. Es ist dann eher wie im Theaterpublikum als Zuschauer. Da wird man von den Schauspieler:innen ja auch nicht direkt angesprochen. Dann kann er einsteigen und die Initiative ergreifen. Er ist dann ganz präsent und hat etwas zu sagen, nicht direkt an eine Person gerichtet, sondern an ein weites Publikum.
Albert: Es ist interessant, was du hier erzählst. Du schließt bei Samuel an, wenn du in seinem Handlungsimpuls mitbewegst: Du schauspielerst etwas, was sich an ein (fernes) Publikum richtet. Das ist genau das, was er macht, es ist sein Handlungsimpuls. Er kann durch dein Schauspiel – das sich nicht direkt an ihn richtet – einsteigen und seine eigenen Gedanken in die Welt bringen. Anstatt zu schreien, kann er sich in diesen Momenten durch Worte ausdrücken. Das erinnert mich auch an deine unerwartete gelungene Handlung am Reiterhof: Du bist selbst geritten und so konnte er auf Abstand mitmachen und schließlich einsteigen.
Es ist ein Unterschied, ob du dich im Handlungsimpuls des anderen mitbewegst oder durch deine Interventionen versuchst den anderen zu ändern.
Marianne: Man könnte das Schauspielen stärker in den Arbeitsalltag einbringen.
Albert: Ja genau! Wichtig ist, dabei die gesamte Gruppe mitzunehmen.
Helga: Das wird spannend! Wir haben einen Bewohner, Markus, der meist sehr übertreibt – in seiner Gestik und Mimik. Das wirkt oft wie ein Schauspiel. Allerdings richtet er sich mit seinem Gebaren meist direkt an eine Person. Davon ist Samuel sehr gestört. Ich glaube aber, dass es sehr gut wäre, wenn wir das „Schauspiel“ gemeinsam machen würden, ohne es direkt an jemanden zu richten. Das wird vermutlich die gesamte Situation beruhigen. Wir können damit sowohl an Samuel als auch an Markus anschließen.
Marianne: Ja, das glaube ich auch! Letztens war es ganz heiß beim Arbeiten und wir haben mit Markus überlegt, wie es wäre, wenn wir jetzt im Schwimmbad wären. Und dann haben wir gespielt, dass wir im Schwimmbad sind. Es war eine richtige „Abkühlung“. Die Arbeit ging mit der Gruppe dann viel besser voran. Ich fände es schön, das Schauspielen aktiv in die pädagogische Arbeit einfließen zu lassen. Ich möchte das auch unseren Kolleg:innen vorschlagen.
Ich (Helga): Ja! Ich fand es sehr hilfreich, mit euch an meinen Fragen zu arbeiten. Wenn ich erzähle, dann kommen mir viele Ideen! Und ich merke, in welchen Situationen ich schon am Samuel anschließe.
Erkenntnisse
Es geht nicht darum, Samuel aufzufordern seinen Handlungsimpuls auszuleben, sondern diesen selbst zu leben bzw. die anderen Menschen miteinzubeziehen.
Beim Altpapier-Beispiel ist es nicht das Ziel, ihn mit einem Trick zur Arbeit zu bewegen, sondern sich tatsächlich mit dieser Frage auseinanderzusetzen: Wo muss das Altpapier eigentlich hin?
Oft ist es schwierig, wenn jemand einen sagt, ach du kannst dies oder das doch so gut, mach das mal. Also wenn jemand zum Beispiel sagt, erzähl einen Witz, dann fällt mir auch nichts ein. Aber wenn jemand anderes einen Witz erzählt, dann fallen mir auch Witze ein.
Es geht nicht ums Manipulieren mit der Handlungsimpuls-Methode, sondern darum einen Lernraum zu kreieren, in dem sich der Mensch wiedererkennen und entfalten kann.