Urtica de Vijfsprong ist eine therapeutische Wohn- und Arbeitsgemeinschaft für Menschen mit Unterstützungsbedarf in Vorden, in den Niederlanden. Die Bewohner:innen sind Menschen mit einer geistigen oder psychischen Behinderung, die durch das Leben und Arbeiten auf dem Hof Unterstützung erfahren.
Mittelpunkt ist der 70 ha große biodynamische Hof. Dort gibt es etwa 70 Milchkühe und Jungvieh. Die Milch wird direkt am Hof weiterverarbeitet. Außerdem gibt es eine Gärtnerei, einen Forst und einen eigenen biologischen Laden, in dem hofeigene Produkte wie Gemüse, Käse und Fleisch sowie zugekaufte Produkte verkauft werden. Die Hauswirtschaft inklusive Küche ist ebenfalls ein Arbeitsbereich. Die Organisation bietet verschiedene Möglichkeiten zum Wohnen und Arbeiten an, wie zum Beispiel das Hofhuis, ein alter Bauernhof, wo neun Menschen mit individueller Betreuung leben.
Inclutrain auf Urtica de Vijfsprong
Urtica ist ein langjähriger Inclutrain-Projektpartner. Seit das Inclutrain-Projekt 2017 gestartet wurde, ist die Organisation federführend daran beteiligt. Mitarbeiter:innen und Klient:innen sind direkt in die inhaltliche Ausarbeitung der Projektinhalte als auch in die Durchführung von Methoden-Trainings involviert.
Aktivitäten 2023 – 2026
Im Rahmen des Projekts Inclutrain extends (2023 – 2026) haben Vertreter:innen von Urtica de Vijfsprong an sechs Trainingsaktivitäten in Österreich, Deutschland, Norwegen, Italien und den Niederlanden teilgenommen. Insgesamt waren 20 Personen der Organisation einmal oder mehrmals bei Trainingsaktivitäten dabei. Dabei handelt es sich gleichermaßen um Menschen mit und ohne Unterstützungsbedarf.
Des Weiteren waren Mitarbeiter:innen der Organisation an sechs Verfahrenskreistreffen beteiligt. Zwei Mitarbeiterinnen haben die Ausbildung zur Trainerin absolviert. Sie nahmen an den monatlichen Trainer:innen-Meetings sowie an digitalen Mitarbeiter:innen-Austauschtreffen teil.
Zu Projektende blicken Marianne und Helga – die beiden Projektverantwortlichen auf Urtica – zurück und evaluieren: Wie haben sich die die Methoden etabliert? Und wie haben sich demzufolge die Zusammenarbeit und die Organisationsstrukturen verändert?
Portfolios
Das Inclutrain-Portfolio, in dem die Qualitäten eines Menschen anhand konkreter Beispiele dargestellt wird, ist Teil des Gesamt-Dokumentationssystems auf Urtica und ist somit strukturell in der Organisation verankert. Es gibt von allen Klient:innen und von einigen Mitarbeiter:innen Inclutrain-Portfolios. Die Portfolios werden als Inspiration genutzt, um (auch in schwierigen Situationen) Ansätze für eine gelingende Zusammenarbeit zu entwickeln. Die Portfolios werden immer wieder herangezogen, überarbeitet und weiterentwickelt. Arbeitsziele sollen künftig anhand des Handlungsimpulses formuliert werden.
Teilhabe von Klient:innen
Marianne berichtet davon, wie sie, die Klient:innen aktiv in die Gestaltung der Trainingsaktivitäten einband. Klient:innen haben durch die Implementierung der Methoden eine aktive Rolle in der Organisation bekommen. Sie sind nicht nur Empfänger:innen von Hilfe, sondern werden zu aktiven Akteur:innen, die ihre eigenen Lernprozesse mitgestalten. Dies steigert das Selbstbewusstsein der Klient:innen und fördert ihre Eigenständigkeit, was zu einer stärkeren Inklusion führt. Dies ist ein wichtiger Paradigmenwechsel.
Persönliche Entwicklung von Mitarbeiter:innen
Mitarbeiter:innen, die mit den Inclutrain Methoden arbeiten, gelingt es nun vermehrt, Verhalten, das gemeinhin als störend beurteilt wird, aus einer positiven Perspektive heraus zu sehen. Die Methode hilft den Mitarbeiter:innen dabei, Qualitäten auch in pädagogisch herausfordernden Situationen zu erkennen und darauf aufbauende Interventionen zu setzen.
„Ich habe gemerkt, dass ich durch die Methode persönlich gewachsen bin. Das ist mir zum Beispiel aufgefallen, als ich ein Training mit einer Gruppe aus Norwegen machte. Eine Klientin wollte nicht mitmachen. Ihre Betreuerinnen haben sich für ihr Verhalten mehrmals bei mir entschuldigt. Doch ich habe ihr negatives Urteil in eine positive Resonanz gebracht. Ich habe sie gefragt: In welcher Situation ist es gut und wichtig „Nein“ zu sagen? Wir haben darüber ein interessantes Gespräch geführt und aus unseren eigenen Erfahrungen heraus über das Nein-Sagen und dessen Wichtigkeit reflektiert. Es war ein sehr anregendes Gespräch und schließlich meinte ich zu den Betreuerinnen: ‚Seht ihr, das Nein-Sagen ist eine Qualität. Das könnt ihr von Mary noch lernen.‘ Ich habe mich dann gefreut, weil es mir gelungen ist, nicht in der negativen Beurteilung zu verharren, sondern die Qualität zu erkennen.“
Die Methode hilft dabei, aus der negativen Perspektive herauszutreten und neue Ansätze für die Zusammenarbeit zu finden. Mitarbeiter:innen die mehrmals an Trainingsaktivitäten teilnahmen beschreiben, dass sie eine persönliche Weiterentwicklung durch die intensive Auseinandersetzung mit den Methoden feststellen können.
Weitergabe der Methode innerhalb der Einrichtung
Mitarbeiter:innen, die die Trainer:innen-Ausbildung gemacht haben, bieten offene Trainings für Kolleg:innen an. Bei den Trainings wird beispielsweise anhand praktischer Aufgabenstellungen an Portfolios gearbeitet. Außerdem lassen Inclutrain-erfahrene Mitarbeiter:innen ihr Methodenwissen in Mitarbeiter:innen-Besprechungen einfließen, wenn eine Situation als herausfordernd oder überfordernd beschrieben wird.
„Es gibt Klient:innen mit denen es sehr schwierig ist zu arbeiten – die möchten beispielsweise in der Früh nicht aufstehen oder werden schnell aggressiv und ungehalten. Oft kommen Kolleg:innen dann zu mir und fragen, wie es mir gelingt, diese Menschen zu etwas zu motivieren. Ich nütze diese Gelegenheiten, um etwas vom Handlungsimpuls zu erzählen und die Inclutrain-Methoden einzubringen. Ich glaube, das hilft meinen Kolleg:innen dabei auch dann handlungsfähig zu bleiben, wenn sie eine Situation als ausweglos erachteten.“
Gesehen und als wertvoll anerkannt werden
Ein Klient aus Urtica berichtet: „Ich wollte zuerst nicht mitmachen. Ich wollte nicht wieder irgendeine Diagnose hören. Aber dann überwand ich mich doch, es auszuprobieren. Wir schnitten Tomaten und Marianne und Charlotte imitierten mich. Sie fanden meinen Handlungsimpuls und ein dazu passendes Berufsbild heraus. Und es war schön. Es war schön, weil sie etwas echt Positives in mir erkannten. Nicht immer diese Krankheitsbilder und Diagnosen – sondern einfach, die Art, wie ich etwas mache und dass es gut ist, wie ich es mache.“
Die Evaluierung zeigt, Klient:innen fühlen sich gesehen und anerkannt, wenn die Inclutrain-Methoden in der Zusammenarbeit angewandt werden. Der Fokus liegt nicht auf Defiziten, Fehlern und Diagnosen, sondern auf den Qualitäten und Fähigkeiten. Das stärkt die Menschen und motiviert sie zu neuen Lern- und Entwicklungsschritten.
Herausforderungen bei der Implementierung der Methoden
Es zeigt sich, dass es nicht gelungen ist, das Interesse aller Mitarbeiter:innen für die Inclutrain-Methoden zu wecken. Im Wohnbereich erweist sich die Einführung der Methoden als schwieriger als im Arbeitsbereich. Dies bremst die flächendeckende Implementierung der Methode in der Organisation.
Da die Methode sehr praxisorientiert ist, fällt es den organisationsinternen Inclutrain-Trainerinnen oft schwer, Personen mit einer kritisch abwendenden Haltung die Methoden verbal näherzubringen und sie in das Projekt miteinzubeziehen. Diskussionen über die Methode erweisen sich als wenig effektiv. Ausgangspunkt des erfahrenden Lernens ist das Einleben, das sich bei Diskussionen nicht vollziehen kann. Zielführend wäre es hingegen, die Kolleg:innen dazu zu motivieren, die Methoden selbst auszuprobieren – sie sozusagen zu einem Experiment einzuladen, bei dem den (Forschungs-) Fragen nachgespürt werden kann. Erst in der eigenen Erfahrung wird die Methode lebendig und greifbar.
Fazit
Die Einführung der Inclutrain-Methoden in die Einrichtung Urtica de Vijfsprong hat positive Auswirkungen auf die Zusammenarbeit. Besonders die Entwicklung von Portfolios und die aktive Beteiligung von Klient:innen an der Umsetzung der Methoden sind erfolgversprechende Schritte in Richtung einer inklusiveren und wertschätzenden Arbeitsweise. Jedoch bleibt die vollständige Integration der Methode eine Herausforderung.